Wissenschaftliche Hintergründe
Warum Hören, kognitive Gesundheit und weitere Risikofaktoren gemeinsam betrachtet werden
Warum untersuchen wir Hören und kognitive Gesundheit gemeinsam?
Altersschwerhörigkeit ist nicht nur ein Thema der Kommunikation und Lebensqualität. Sie wird zunehmend auch im Zusammenhang mit kognitivem Abbau und Demenz untersucht. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) behandelt Hörverlust in ihrer 2026 aktualisierten Leitlinie als einen beeinflussbaren Risikofaktor im Kontext der Demenzprävention. Auf Bevölkerungsebene wird geschätzt, dass theoretisch rund 7 % der Demenzfälle vermieden werden könnten, wenn Hörverlust vollständig beseitigt würde. Diese Zahl ist eine populationsbezogene Modellschätzung und keine Aussage über das individuelle Demenzrisiko (World Health Organization [WHO], 2026; Livingston et al., 2024).
Damit rückt eine zentrale Frage in den Mittelpunkt: Welche älteren Menschen könnten hinsichtlich ihrer kognitiven Entwicklung besonders von einer Hörintervention profitieren? Die ACHIEVE-Studie und ihre nachfolgenden Analysen sprechen dafür, dass das individuelle Ausgangsrisiko hierbei eine wichtige Rolle spielen könnte (Lin et al., 2023; Pike et al., 2025).
Die ACHIEVE-Studie: Nicht alle profitieren gleichermaßen
Einen wichtigen Ausgangspunkt bildet die randomisierte ACHIEVE-Studie. Insgesamt wurden 977 ältere Menschen mit unbehandelter Hörminderung einer umfassenden Hörintervention oder einer Gesundheitsbildungs-Kontrollgruppe zugeteilt. In der Gesamtpopulation zeigte sich über drei Jahre kein signifikanter Unterschied im primären Endpunkt des kognitiven Abbaus (Lin et al., 2023).
Bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus der Atherosclerosis Risk in Communities-(ARIC)-Kohorte, die im Mittel älter waren und mehr Risikofaktoren für kognitiven Abbau aufwiesen, wurde hingegen ein deutlich geringerer kognitiver Abbau unter der Hörintervention beobachtet. Für diese ARIC-Teilgruppe wurde eine Reduktion des kognitiven Abbaus um 48 % berichtet (Lin et al., 2023; Pike et al., 2025).
Diese Unterschiede führen zu einer klaren wissenschaftlichen Hypothese: Eine Hörintervention könnte hinsichtlich der kognitiven Entwicklung besonders bei älteren Menschen relevant sein, bei denen Hörminderung und weitere Risikofaktoren für kognitiven Abbau zusammentreffen (Lin et al., 2023; Pike et al., 2025).
Pike et al.: Das individuelle Risikoprofil könnte entscheidend sein
Pike et al. griffen diese Frage in einer Sekundäranalyse der ACHIEVE-Studie auf. Anhand von 2.692 demenzfreien Teilnehmerinnen und Teilnehmern der ARIC-Kohorte entwickelten sie zunächst ein Modell zur Vorhersage kognitiven Abbaus. Dieses Modell wurde anschließend auf die 977 ACHIEVE-Teilnehmenden übertragen (Pike et al., 2025).
Das Ergebnis war besonders für Personen mit hohem Ausgangsrisiko auffällig: Im obersten Quartil des vorhergesagten Risikos verlief der kognitive Abbau über drei Jahre unter der Hörintervention 61,6 % langsamer als in der Kontrollgruppe (95-%-KI: 33,7–94,1 %; Pike et al., 2025).
Die Sekundäranalyse liefert damit eine wichtige Perspektive für die nächste Entwicklungsstufe: Risikofaktoren können genutzt werden, um Personengruppen zu identifizieren, bei denen eine Hörintervention möglicherweise besonders relevant ist. Der konsequente nächste Schritt ist deshalb, eine solche Risikostratifizierung prospektiv zu entwickeln und zu validieren (Pike et al., 2025).
Genau hier setzt unser Forschungsprojekt an
Das gemeinsame Forschungsprojekt des Telemedizinzentrums Hamm und der Hochschule Hamm-Lippstadt verfolgt deshalb einen multimodalen Ansatz. Hörfunktion, kognitive Leistungsfähigkeit, körperliche Funktion und weitere gesundheitliche Risikofaktoren werden gemeinsam betrachtet. So entsteht ein umfassendes Bild, das die Grundlage für eine spätere individuelle Risikostratifizierung schaffen kann.
Mit dieser Studie legen wir die wissenschaftliche Grundlage für die Risikoprognose von morgen. Eine verlässlich validierte Messarchitektur ist die notwendige Voraussetzung, um in den nächsten Entwicklungsstufen prospektive individuelle Risikoprognosen ableiten zu können. Deshalb entwickeln und validieren wir jetzt eine multimodale digitale Messplattform, die Hören, Kognition und weitere relevante Gesundheitsfaktoren standardisiert erfasst. Sie soll künftig die Datenbasis für eine belastbare Risikostratifizierung und gezielte präventive Maßnahmen bilden.
Objektiv, subjektiv und alltagsnah erfassen
Die Hörfunktion wird aus mehreren Perspektiven untersucht. Ein Web-basierter Digit Triplet Test (DTT) erfasst das Sprachverstehen im Störgeräusch. Der deutsche DTT ist als Verfahren zum Hörscreening und zur Erfassung des Sprachverstehens im Störgeräusch wissenschaftlich etabliert (Zokoll et al., 2012).
In der aktuellen Studie wird der zuhause durchgeführte Web-DTT direkt gegen eine standardisierte Reintonaudiometrie validiert. Ergänzend werden subjektive Angaben der Zielperson und Beobachtungen durch Angehörige erfasst. Dadurch kann untersucht werden, ob objektive Hörbeeinträchtigung, Selbstwahrnehmung und Fremdbeobachtung übereinstimmen oder unterschiedliche Informationen liefern.
Zuverlässig messen – auch bei Hörminderung
Parallel entwickeln wir eine primär visuell administrierte digitale Kognitionsbatterie, die speziell auch für ältere Menschen mit Hörminderung geeignet ist. Sie umfasst Aufgaben zu episodischem Gedächtnis, Verarbeitungsgeschwindigkeit, Exekutivfunktionen, Aufmerksamkeit sowie visuokonstruktiven Leistungen. Zentrale Instruktionen und Stimuli werden möglichst visuell präsentiert. Damit schaffen wir einen Zugang zur kognitiven Diagnostik, bei dem eine Hörminderung die Durchführung möglichst wenig begrenzt.
Ein besonderer wissenschaftlicher Schwerpunkt unseres Projekts liegt darin, kognitive Fähigkeiten auch dann zuverlässig beurteilen zu können, wenn eine Hörminderung vorliegt. Viele etablierte kognitive Tests arbeiten mit gesprochenen Instruktionen oder auditiven Stimuli. Aktuelle Übersichtsarbeiten zeigen, dass eine eingeschränkte Hörbarkeit die Testleistung beeinflussen kann, ohne dass dies zwingend eine geringere kognitive Leistungsfähigkeit widerspiegelt (Holdinga et al., 2026).
Die visuell ausgerichtete digitale Testbatterie nutzt deshalb einen gezielt hörsensiblen Ansatz: Zentrale Informationen werden visuell zugänglich gemacht, sodass die kognitive Leistungsfähigkeit auch bei eingeschränktem Hören möglichst unmittelbar erfasst werden kann.
In der Studie prüfen wir diese neue Messstrategie systematisch. Dazu vergleichen wir die digitale Kognitionsbatterie mit etablierten Referenzverfahren und untersuchen, ob sie insbesondere bei Menschen mit Hörminderung eine zuverlässige und aussagekräftige Erfassung der kognitiven Leistungsfähigkeit ermöglicht.
Die Angehörigenperspektive als unabhängige Informationsquelle
Eine Besonderheit des Projekts ist die systematische Einbeziehung von Angehörigen. Sie kennen die Zielperson meist seit vielen Jahren und können Veränderungen im Alltag beobachten, die in einer kurzen Testsituation möglicherweise nicht sichtbar werden. Als standardisierte Fremdbeobachtung wird der 16-Item Informant Questionnaire on Cognitive Decline in the Elderly (IQCODE-16) eingesetzt. Die Kurzform wurde speziell zur Erfassung kognitiver Veränderungen aus Informantenperspektive entwickelt und validiert (Jorm, 1994).
Zusätzlich werden wenige Beobachtungsitems zum Hören erhoben. Damit entstehen drei komplementäre Perspektiven auf die Hörfunktion:
- Objektive Leistung im DTT
- Subjektive Einschätzung der Zielperson
- Fremdbeobachtung durch Angehörige
Weitere Risikofaktoren ergänzen das Gesamtbild
Ergänzend erfassen wir weitere Faktoren, die für das individuelle Risiko kognitiven Abbaus und für die Interpretation der Messwerte relevant sind. Dazu gehören unter anderem Alter, Blutdruck, BMI, depressive Symptomatik, körperliche Aktivität und körperliche Funktion sowie weitere vaskuläre und gesundheitliche Merkmale. Diese Auswahl orientiert sich an etablierten Demenzrisikofaktoren und an den Prädiktoren des von Pike et al. entwickelten Risikomodells (Livingston et al., 2024; Pike et al., 2025). Zusätzlich erfassen wir Sehfunktion, Motorik und digitale Erfahrung, um die digitale Testdurchführung möglichst präzise einordnen zu können.
Vom digitalen Screening zur gezielten Prävention
Unser Forschungsprogramm verfolgt eine klare Zukunftsvision: Aus einer verlässlichen digitalen Messung soll Schritt für Schritt eine individuelle, prospektiv validierte Risikostratifizierung entstehen. So wollen wir Menschen künftig früh erkennen, bei denen Hörminderung und ein erhöhtes Risiko für kognitiven Abbau zusammentreffen – und daraus gezielte Präventionsmöglichkeiten ableiten.
Dafür folgen drei aufeinander aufbauende Meilensteine:
Ein gemeinsames Forschungsprojekt von Telemedizinzentrum Hamm und Hochschule Hamm-Lippstadt, unterstützt von der Alzheimer Gesellschaft Hamm e.V.
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Literatur
Collins, G. S., Moons, K. G. M., Dhiman, P., Riley, R. D., Beam, A. L., Van Calster, B., Ghassemi, M., Liu, X., Reitsma, J. B., van Smeden, M., Boulesteix, A.-L., Camaradou, J. C., Celi, L. A., Denaxas, S., Denniston, A. K., Glocker, B., Golub, R. M., Harvey, H., Heinze, G., … Logullo, P. (2024). TRIPOD+AI statement: Updated guidance for reporting clinical prediction models that use regression or machine learning methods. BMJ, 385, e078378. doi.org/10.1136/bmj-2023-078378
Holdinga, M., Merkus, P., Ket, J. C. F., Kramer, S. E., & Smits, C. (2026). Effects of simulated hearing loss on cognitive task performance: A scoping review. Neuropsychology. Advance online publication. doi.org/10.1037/neu0001111
Jorm, A. F. (1994). A short form of the Informant Questionnaire on Cognitive Decline in the Elderly (IQCODE): Development and cross-validation. Psychological Medicine, 24(1), 145–153. doi.org/10.1017/S003329170002691X
Lin, F. R., Pike, J. R., Albert, M. S., Arnold, M., Burgard, S., Chisolm, T., Couper, D., Deal, J. A., Goman, A. M., Glynn, N. W., Gmelin, T., Gravens-Mueller, L., Hayden, K. M., Huang, A. R., Knopman, D., Mitchell, C. M., Mosley, T., Pankow, J. S., Reed, N. S., … Coresh, J. (2023). Hearing intervention versus health education control to reduce cognitive decline in older adults with hearing loss in the USA (ACHIEVE): A multicentre, randomised controlled trial. The Lancet, 402(10404), 786–797. doi.org/10.1016/S0140-6736(23)01406-X
Livingston, G., Huntley, J., Liu, K. Y., Costafreda, S. G., Selbæk, G., Alladi, S., Ames, D., Banerjee, S., Burns, A., Brayne, C., Fox, N. C., Ferri, C. P., Gitlin, L. N., Howard, R., Kales, H. C., Kivimäki, M., Larson, E. B., Nakasujja, N., Rockwood, K., … Mukadam, N. (2024). Dementia prevention, intervention, and care: 2024 report of the Lancet standing Commission. The Lancet, 404(10452), 572–628. doi.org/10.1016/S0140-6736(24)01296-0
Pike, J. R., Huang, A. R., Reed, N. S., Arnold, M., Chisolm, T., Couper, D., Deal, J. A., Glynn, N. W., Goman, A. M., Hayden, K. M., Mitchell, C. M., Pankow, J. S., Sanchez, V., Sullivan, K. J., Tan, N. S., Coresh, J., & Lin, F. R. (2025). Cognitive benefits of hearing intervention vary by risk of cognitive decline: A secondary analysis of the ACHIEVE trial. Alzheimer’s & Dementia, 21(5), e70156. doi.org/10.1002/alz.70156
World Health Organization. (2026). Risk reduction of cognitive decline and dementia: WHO guidelines (2nd ed.). who.int/publications/i/item/9789240123557
Zokoll, M. A., Wagener, K. C., Brand, T., Buschermöhle, M., & Kollmeier, B. (2012). Internationally comparable screening tests for listening in noise in several European languages: The German digit triplet test as an optimization prototype. International Journal of Audiology, 51(9), 697–707. doi.org/10.3109/14992027.2012.690078