Wissenschaftliche Hintergründe
Kognitive Stimulation, Hören und digitale Personalisierung bei Demenz
Auch bei bestehender Demenz bleiben Aktivierung und Förderung wichtig
Eine Demenzerkrankung bedeutet nicht, dass therapeutische und aktivierende Maßnahmen ihre Bedeutung verlieren. Neben medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten spielen nicht-medikamentöse Interventionen eine wichtige Rolle in der Versorgung.
Besonders gut untersucht ist die Cognitive Stimulation Therapy (CST) beziehungsweise Kognitive Stimulationstherapie. Bereits die randomisierte Studie von Spector et al. (2003) zeigte positive Effekte strukturierter kognitiver Stimulation. Eine Cochrane-Analyse bestätigt positive Effekte kognitiver Stimulation insbesondere auf die kognitive Leistungsfähigkeit und weitere patientenrelevante Bereiche (Woods et al., 2023). Neuere Metaanalysen unterstützen die Evidenz für strukturierte kognitive Stimulation bei leichter bis mittelgradiger Demenz (Desai et al., 2024).
Von H3 zu H3O: Kognitive Aktivierung um das Hören erweitern
Das H3O-Konzept baut auf dem H3-Ansatz – Herz, Hand und Hirn – auf und ergänzt ihn um die auditive Dimension „Ohr“. Die Hochschule Hamm-Lippstadt beschreibt H3O als Forschungsprojekt, das kognitive Stimulation und Hörtherapie zu einem integrierten Versorgungskonzept verbindet (Hochschule Hamm-Lippstadt [HSHL], 2026a).
Die Trainingslogik ist modular: Die H3-Komponente adressiert kognitive Aktivierung, Emotion und soziale Interaktion und kann grundsätzlich auch bei Menschen mit Demenz ohne Hörminderung eingesetzt werden. Bei zusätzlicher Hörminderung ergänzt das „O“ die kognitive Aktivierung um ein gezieltes Training auditiver Wahrnehmung und Verarbeitung.
Diese Erweiterung ist wissenschaftlich plausibel, weil Hören kein rein peripherer Vorgang des Ohres ist. Für das Verstehen gesprochener Sprache muss das Gehirn akustische Informationen erkennen, selektieren, im Arbeitsgedächtnis verarbeiten und mit vorhandenem Wissen verbinden. Alterungsbedingte Veränderungen des Hörens und kognitive Prozesse stehen deshalb in enger Wechselwirkung (Wayne & Johnsrude, 2015).
Wenn Demenz und Hörminderung zusammentreffen
Hörminderung ist bei älteren Menschen häufig und auch bei Menschen mit Demenz versorgungspraktisch bedeutsam. Studien zeigen Zusammenhänge zwischen Hörverlust, kognitivem Abbau und Demenzrisiko (Lin et al., 2013; Myrstad et al., 2023). Eine systematische Übersicht beschreibt zudem die besonderen Herausforderungen, die entstehen, wenn Hörstörungen und Demenz gemeinsam auftreten (Hardy et al., 2016).
Eine Hörgeräteversorgung bleibt ein zentraler Baustein, löst aber nicht automatisch jede Schwierigkeit der auditiven Verarbeitung. Gerade bei kognitiven Einschränkungen kann es erforderlich sein, die Verarbeitung verstärkter akustischer Signale zusätzlich zu trainieren. Genau an dieser Schnittstelle setzt H3O an: Hörversorgung und kognitive Aktivierung werden gemeinsam gedacht (HSHL, 2026a).
Hören kann trainiert werden
Auch die auditive Verarbeitung besitzt eine hohe Plastizität. Experimentelle Untersuchungen zeigen, dass gezieltes Hörtraining altersbedingte Veränderungen neuronaler Verarbeitungsprozesse beeinflussen kann (Anderson et al., 2013). Studien zu auditivem Training bei erfahrenen Hörgeräteträgerinnen und Hörgeräteträgern untersuchen zudem Effekte auf Hörleistung, Alltagserleben und Bewältigungsstrategien (Van Wilderode et al., 2023).
Im H3O-Ansatz werden deshalb unter anderem Sprachverstehen im Störgeräusch, auditive Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und die Verarbeitung komplexer Hörsituationen adressiert. Das Ziel besteht nicht lediglich in besseren Testwerten, sondern darin, Hören wieder stärker für Kommunikation, soziale Interaktion und Teilhabe nutzbar zu machen.
Digitale kognitive Stimulation eröffnet neue Möglichkeiten
Digitale Verfahren ermöglichen, kognitive Aktivierung strukturiert, standardisiert und zugleich an individuelle Leistungsniveaus angepasst anzubieten. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse untersucht die Wirksamkeit digitaler kognitiver Stimulation bei Menschen mit Demenz und berichtet ein relevantes Potenzial dieser Ansätze (Saragih et al., 2026).
Das H3O-Training nutzt eine digitale Plattform, um Übungen strukturiert bereitzustellen und leistungsbezogene Parameter für die individuelle Anpassung zu erfassen. Die technologische Weiterentwicklung hin zu adaptiven und KI-gestützten Verfahren wird an der Hochschule Hamm-Lippstadt insbesondere im Forschungsprojekt BrainTrain verfolgt (HSHL, 2026b).
BrainTrain verbindet digitale Hör- und Kognitionstrainings mit digitalen Biomarkern und einer adaptiven, KI-gestützten Steuerung. Damit entsteht perspektivisch die Möglichkeit, Trainingspläne auf Grundlage fortlaufend erhobener Leistungsdaten individuell anzupassen und personalisierte Trainingsverläufe zu entwickeln (HSHL, 2026b).
Zwei Situationen – ein gemeinsames Ziel
Wenn noch keine Demenz vorliegt
Mit dem digitalen Screening soll künftig erkannt werden, bei welchen älteren Menschen Hörminderung und ein erhöhtes Risiko für kognitiven Abbau zusammentreffen. Ziel ist es, eine wissenschaftliche Grundlage für möglichst frühe und gezielte Prävention zu schaffen.
Wenn bereits eine Demenz vorliegt
Mit dem H3O-Training verfolgen wir einen ebenso wichtigen zweiten Ansatz: vorhandene Fähigkeiten aktivieren, Kommunikation unterstützen, soziale Teilhabe fördern und bei zusätzlicher Hörminderung die auditive Verarbeitung gezielt einbeziehen. Das H3O-Forschungsprojekt der HSHL entwickelt dafür ein Versorgungskonzept an der Schnittstelle von Hörtherapie und kognitiver Stimulation (HSHL, 2026a).
Kognitive Gesundheit über den gesamten Verlauf unterstützen.
Ein gemeinsames Forschungsprojekt von Telemedizinzentrum Hamm und Hochschule Hamm-Lippstadt.
Literatur
Anderson, S., White-Schwoch, T., Parbery-Clark, A., & Kraus, N. (2013). Reversal of age-related neural timing delays with training. Proceedings of the National Academy of Sciences, 110(11), 4357–4362. https://doi.org/10.1073/pnas.1213555110
Desai, R., et al. (2024). Effectiveness of Cognitive Stimulation Therapy (CST) for mild to moderate dementia: A systematic literature review and meta-analysis of randomised control trials using the original CST protocol. Ageing Research Reviews, 97, 102312. https://doi.org/10.1016/j.arr.2024.102312
Hardy, C. J. D., et al. (2016). Hearing and dementia. Journal of Neurology, 263(11), 2339–2354. https://doi.org/10.1007/s00415-016-8208-y
Lin, F. R., et al. (2013). Hearing loss and cognitive decline in older adults. JAMA Internal Medicine, 173(4), 293–299. https://doi.org/10.1001/jamainternmed.2013.1868
Myrstad, C., et al. (2023). Hearing impairment and risk of dementia in The HUNT Study (HUNT4 70+): A Norwegian cohort study. eClinicalMedicine, 66, 102319. https://doi.org/10.1016/j.eclinm.2023.102319
Saragih, I. D., et al. (2026). Efficacy of digital cognitive stimulation therapy for people with dementia: A systematic review and meta-analysis. BMC Geriatrics, 26, 700. https://doi.org/10.1186/s12877-026-07180-9
Spector, A., et al. (2003). Efficacy of an evidence-based cognitive stimulation therapy programme for people with dementia: Randomised controlled trial. British Journal of Psychiatry, 183(3), 248–254. https://doi.org/10.1192/bjp.183.3.248
Van Wilderode, M., et al. (2023). Effectiveness of auditory training in experienced hearing-aid users, and an exploration of their health-related quality of life and coping strategies. Trends in Hearing, 27. https://doi.org/10.1177/23312165231196873
Wayne, R. V., & Johnsrude, I. S. (2015). A review of causal mechanisms underlying the link between age-related hearing loss and cognitive decline. Ageing Research Reviews, 23, 154–166. https://doi.org/10.1016/j.arr.2015.06.002
Woods, B., et al. (2023). Cognitive stimulation to improve cognitive functioning in people with dementia. Cochrane Database of Systematic Reviews, 1, CD005562. https://doi.org/10.1002/14651858.CD005562.pub3
Hochschule Hamm-Lippstadt. (2026a). H3O – Herz, Hand, Hirn und Ohr – Kognitive Stimulation für Menschen mit Demenz und Hörminderung. https://www.hshl.de/forschung-unternehmen/forschungsprojekte/forschungsprojekte-im-themenfeld-medizin/h3o/
Hochschule Hamm-Lippstadt. (2026b). BrainTrain – Digitales Hör- und Kognitionstraining für Menschen mit Demenz. https://www.hshl.de/forschung-unternehmen/forschungsprojekte/forschungsprojekte-im-themenfeld-medizin/braintrain/